Nachruf_uli mayer


Ein nicht-erkanntes Universalgenie - zum Tode von Uli Mayer

* 8. Januar 1944

† 6. Mai 2021

„Der Schiller ond der Hegel / der Uhland ond der Hauff / des isch bei ons die Regel / des fällt bei ons net auf“, sagt man in aller Bescheidenheit in dem Land zwischen Bodensee und dem Hohenlohischen über den eigenen Volksstamm. Und aus diesem bekanntlich genügsamen Gemeinwesen stammte Uli Mayer ab. Was ihm dort vor 77 Jahren genau in die Wiege gelegt worden war, lässt sich heutzutage schwer nachvollziehen. Doch es muss viel, sehr viel gewesen sein, so viel sogar, dass es ihm und - ganz ehrlich gesagt - auch seiner freundschaftlich gesonnenen Umwelt es manchmal zu viel wurde.

Aus dem nordöstlichen Zipfel von Württemberg ging er hinaus in die Welt, schrieb sich an der Uni ein für Jura und studierte auch ein paar Semester. Aber das war’s dann schon. Studium auf Kommando und nach Vorschrift - das ging mit Uli Mayer nicht zusammen. Sein Geist war unabhängig und frei schwebend, was ihm in den Zeiten, als die oben erwähnten Herren ihren Status als Geistesgrößen einnahmen, wahrscheinlich den Rang eines hoch angesehenen Gelehrten eingebracht hätte. In der nach Karriere und Profit gierigen Gesellschaft der noch jungen Bundesrepublik aber war für solche Leute eher wenig Raum.

Dennoch fand er vorübergehend eine Nische in der inzwischen schon zur Legende verklärten „Notizbuch“-Crew im Bayerischen Rundfunk, wo JournalistInnen und zu noch Höherem Berufene wie Angelika Gardiner, Gert Heidenreich, Hanno Heidrich und manch andere - zu viele, um sie hier alle aufzuzählen -, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre Radiostunden produzierten, die der Redaktion wie der Programmdirektion und dem Rundfunkrat Angst- oder auch Wutschweiß auf die Stirn trieben. Uli Mayer, der Informationen aller Art aufsaugen konnte wie ein Schwamm, lieferte zu provokanten wie kreativen Sendungen das nötige Wissen, das dann von den mehr schriftstellerischen und radiokünstlerischen Begabungen in den Äther geschleudert wurde.

Weil er nie von etwas genug kriegen konnte, reichte dies Uli Mayer nicht und er suchte sich eine neue Herausforderung. Er ging nach Rom zur FAO , der Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, wo er für einige Jahre in der Presseabteilung arbeitete. Als er dann nach München zurückkam, holte ihn die große Ernüchterung ein. Die alten Zeiten im BR waren Vergangenheit. Viele von den KollegInnen, mit denen er ein paar Jahre zuvor noch Geistesblitze ausgetauscht und auf Papier und Sendeband gebracht hatte, waren schon fort oder waren auf dem Absprung. Niemand hatte auf ihn gewartet und dieses Gefühl sollte er nie mehr loswerden.

Den Kopf voll mit Wissen und Ideen überforderte er so manchen Redakteur bei dem Versuch, seine Gedanken in Programm umzusetzen, sei es im Rundfunk oder im Fernsehen. Einiges brachte er noch unter, eine Zeitlang, aber nach und nach wurde es weniger. Dabei wusste er so viel wie kaum ein anderer über die Beziehungen zwischen Erster und Dritter Welt, über Hunger und Unterernährung, zu Kunst und Geschichte, zu Espressokaffee und Pastasaucen und und und.

Dass er sich und andere oft genug überforderte, dessen war er sich bewusst. So bekam er den Auftrag, ein Buch zu schreiben, Titel: „Rettet das Meer“. Am Ende wäre er bei dem Vorhaben beinahe selbst in einem Meer von Fakten und offenen Fragen ertrunken. Im Vorwort hatte er dazu selbst festgehalten: „Die guten Vorsätze, ein handliches, überschaubares leicht verständliches Kompendium zu schreiben, schwanden dahin.“ Er hatte einfach zu viel Wissen angesammelt, wie immer, und drohte an den eigenen Ansprüchen, nichts auslassen und auf nichts verzichten zu können, zu scheitern. Er hat das Buch dann doch noch zu Ende gebracht, ein sehr anspruchsvolles Kompendium, das viel mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung verdient hatte.

Ein Querdenker, der bereits gegen den Strom schwamm, als diejenigen, die heute sich zu so genannten Querdenkern selbst ernennen, noch gar nicht wussten, dass es den Begriff überhaupt gibt. Zu anderen Zeiten wäre Uli wohl in die Reihe der Universalgenies aufgenommen worden oder er hätte all seine Geisteskraft wie sein schöpferische Kraft, die gleichermaßen keine Grenzen zu kennen schienen, als Privatgelehrter weitergegeben. Die Zeiten, in denen er so kreativ und erfindungsreich gelebt hatte, waren für so einen Menschen nicht gemacht.

Und nun ist er ganz verstummt. Die Welt hat einen wertvollen Menschen verloren. Es fällt schwer, das zu begreifen.


Matthias Fink

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