Die Geschichte von Kefsan A.

Mein Name ist Kefsan. Ich bin 1985 im iranischen Kurdistan  geboren. Meine Familie war sehr arm, meine Kindheit sehr hart und traurig. Immer wenn ich an meine Kindheit zurück denke, werde ich von einer tiefen Traurigkeit überwältigt. weiterlesen

Nach der Revolution von 1979  gab es immer wieder Konflikte zwischen Kurden und dem Islamischen Regime. Das neue Regime setzte die alte Unterdrückungspolitik gegen die Kurden fort,  noch härter und mit voller Brutalität. In den Städten ist das Regime mit der Armee gegen die Menschen vorgegangen. Als ich ein Jahr alt war, hat eines Tages der Krieg auch unsere Straße erreicht. Meine Mutter war mit meinem Bruder draußen, sie wurden beide von Schüssen getroffen. Meine Mutter ist dabei ums Leben gekommen,  mein Bruder wurde verletzt. Ich war alleine zu Hause, als der Artilleriebeschuss unser Haus traf. Es vergingen Stunden, bis meine Großmutter daran dachte, dass ich alleine im Haus und nach dem Beschuss verschüttet war. Danach hat man nach mir gesucht und mich gefunden. Eine der Leisten der Wiege hatte verhindert, dass ich unter dem Schutt erstickt bin. An dem Tag gab es allein in unserer Stadt 228 Tote.

Der Verlust meiner Mutter hat meine ganze Kindheit überschattet. Meine Großmutter hat mich dann zu sich genommen und mich in ihrem Dorf alleine groß gezogen. Wir hatten ein sehr bescheidenes Zuhause. Aber noch etwas hat mich in meiner Kindheit gequält: das Mitleid der Menschen, die immer über mich sagten „das arme Kind hat keine Mutter“.

Deshalb habe ich auch in meiner Kindheit Gott gehasst, weil ich angenommen habe, dass er meine Mutter zu sich ins Paradies geholt hat. Als Kind habe ich auch den Krieg gehasst und deshalb hatte ich mir vorgenommen, wenn ich groß bin, etwas zu tun, damit es keinen Krieg mehr gibt, und damit die armen Leute nicht unter den Machtansprüchen der Herrscher und ihrer Gewalt leiden müssen. So habe ich beschlossen, mich in der Schule ganz besonders anzustrengen. In der Grundschule war ich jedes Jahr die beste Schülerin.

In dem Dorf, wo ich mit meiner Großmutter lebte, gab es keine weiterführenden Schulen. Deshalb bin ich mit zwölf Jahren zu meiner Familie zurückgekommen, sie war mittlerweile aus der Stadt in einen nahegelegenen Ort  umgezogen. Dort habe ich mit dem Gymnasium angefangen. Nach dem das erste Schuljahr vorbei war, hat sich meine Schwester verbrannt. Sie wollte sich umbringen. Den genauen Grund wusste ich nicht, aber sie hat oft gesagt, dass sie das tun möchte. Die Kriegserlebnisse haben sie sehr depressiv gemacht. Da 75% ihres Körpers verbrannt waren, konnte sie sich alleine nicht mehr zurechtfinden. Um sie zu pflegen, musste ich die Schule vorübergehend aufgeben. Nach zwei Jahren intensiver Pflege konnte meine Schwester sich wieder bewegen und auf sich alleine aufpassen. Deshalb durfte ich wieder zur Schule gehen.

Mein Vater konnte nicht viel Geld verdienen. Um meine Schule zu finanzieren, habe ich Teppiche geknüpft. Das, was mit meiner Schwester passiert war, bestärkte mich in meinem Willen, weiterhin gut zu lernen und etwas für leidende Menschen zu tun. Ich wurde wieder jedes Jahr die beste Schülerin. Nach der Schule war ich entschlossen, Jura zu studieren und so mit aller Kraft gegen Ungerechtigkeit kämpfen. Dafür musste ich meinen Vater überreden, denn ich war das einzige Kind in meiner Familie, das Abitur machen durfte. In armen Familien war es nicht üblich, dass Kinder studieren. Ich habe tagelang auf meinen Vater eingeredet, damit ich auf das Gymnasium gehen durfte. Ebenso musste ich ihn lange überreden, damit ich an die Universität gehen durfte. So habe ich an der Universität  mit dem Jurastudium angefangen.

In meiner Schulzeit habe ich Gedichte geschrieben. Als ich 14 Jahre alt war, wurde sogar eines meiner Gedichte in einer Zeitschrift veröffentlicht. In meiner Studienzeit wurde ich sehr aktiv. Ich engagierte mich in Frauenorganisationen und in Kulturvereinen. Um mein Studium zu finanzieren, habe ich Schwimmen gelernt und arbeitete auch als Schwimmlehrerin. In den ersten Jahren meines Studiums habe ich angefangen, für Zeitungen zu schreiben. Meine ersten Berichte beschäftigten sich mit Hinrichtungen, Menschenrechtsverletzungen und der Situation von Angehörigen politischer Gefangener in Iran. In habe ich für mehrere Zeitungen als Journalistin gearbeitet. Ich vernetzte mich heimlich mit ausländischen Websites und schrieb für sie  unentgeltlich Berichte.

Mit 22 Jahren wurde ich zum ersten Mal verhaftet. Ich wurde 24 Stunden lang in Gewahrsam genommen und musste mich den aggressiven Verhörmethoden des Geheimdienstes mit Folter und Demütigungen unterziehen. Leider ist meine Familie sehr traditionell, sie war mit meinen Aktivitäten nicht einverstanden, sie hat mich mit Kritik  und Vorwürfen überschüttet.  Mich aber hat das zu immer mehr Aktivitäten motiviert. Das hat dazu geführt, dass ich aus der Uni rausgeworfen wurde, so war es dann vorbei mit dem Traum, Juristin zu werden.

Nach der Entlassung aus der Universität verstärkte ich meine Aktivitäten im Bereich Journalismus. Gleichzeitig habe ich angefangen, in unserem Dorf die kurdische Sprache zu unterrichten, was ebenfalls verboten war. In dieser Zeit wurde ich oft von Leuten des Geheimdienstes bedroht. Mehr als zehn Mal wurde ich verhaftet. Es waren zwar kurze Aufenthalte im Gefängnis, zwischen zehn Stunden und maximal drei Tagen. Aber jedes Mal wurde ich verprügelt und man drohte mir, mich zu vergewaltigen. Meine Nase wurde gebrochen. Einige Male wurde ich unter den Prügeln bewusstlos. Am schlimmsten war die Drohung, dass sie meinen alten Vater verhaften und vor meinen Augen foltern würden, wenn ich nicht mit meinen Aktivitäten aufhören würde.

Eines Tages sind sie dann in unser Haus gestürmt  und nahmen alle meine Bücher, Berichte und Dokumente mit. Zum Glück konnte ich mich nach draußen retten und bin in ein Nachbardorf geflohen, um mich dort bei einem Freund zu verstecken. Nach einem Monat konnte ich in die Türkei flüchten und dort beim UNHCR Asyl beantragen. Leider wurde meine Familie unter Druck gesetzt. Das Regime hat meinen alten Vater mehrmals festgenommen und verhört. Mein Bruder wurde ebenfalls festgenommen und einmal sogar 20 Tage lang im Gefängnis festgehalten und geprügelt.

Die schlimmen Nachrichten über meine Familie, meine eigene Situation als Kurdin in der Türkei und meine Erlebnisse im Gefängnis haben dazu geführt, dass ich krank wurde. Ich leide am Rheuma, und vor allem leide ich unter der beängstigenden Situation in der Türkei. Ich bin einige Male von unbekannten Personen bedroht worden. Ich erhalte Anrufe von diesen Personen, die sich als iranische Geheimdienstler ausgeben und sagen, dass es für sie kein Problem wäre, mich auch in der Türkei zu finden und zu erledigen, wenn ich nicht zurück in den Iran gehe und mich der Polizei stelle. Trotzdem schreibe ich weiter. Ich werde nie aufhören zu schreiben und gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Ich möchte damit dazu beitragen, dass alle Menschen auf der Welt in Frieden leben.

(Übersetzung aus dem Persischen: Karin Friend)