Der Schuss

1991 ermordet ein serbischer Scharfschütze den SZ-Reporter Egon Scotland

Von Hans Holzhaider

„Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Nur wenige Stunden nach dem Waffenstillstandsappell des jugoslawischen Staatspräsidiums ist es zwischen Serben und Kroaten wieder zu heftigen Gefechten gekommen. Bei Glina südlich von Zagreb kamen nach Augenzeugenberichten bis zu hundert kroatische Soldaten ums Leben. Hauptmann Dragan, der Anführer der serbischen Milizen in Kroatien, sagte, fast alle Dörfer südlich von Zagreb seien jetzt unter seiner Kontrolle. Zu den Opfern gehört auch der 43 Jahre alte Redakteur der in München erscheinenden Süddeutschen Zeitung, Egon Scotland (Foto: SZ), der tödliche Schussverletzungen erlitt, als er nach vermissten Kollegen suchte, die aber inzwischen in Sicherheit sind.“ weiterlesen

Es ist der 27. Juli 1991. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien ist gerade vier Wochen alt. Noch immer kann sich das niemand in Deutschland wirklich vorstellen: Krieg – mitten in Europa? Da, wo die Deutschen so gerne Urlaub machen, in der Heimat der Ćevapčići und des serbischen Reisfleischs? Wo Winnetou und Old Shatterhand durch die wildromantische Karstlandschaft ritten?

Was wussten wir damals schon von dem tief verwurzelten Misstrauen zwischen Serben und Kroaten, von den latenten ethnischen Konflikten in dem von Staatschef Josip Broz Tito so mühsam zusammengehaltenen Staatengebilde Jugoslawien. Plötzlich flammte dieser Krieg auf, mit einer nicht für möglich gehaltenen Wildheit und Grausamkeit. Was passierte da? Wie konnte man erklären, dass Menschen, die jahrzehntelang als Nachbarn zusammengelebt hatten, sich plötzlich gegenseitig massakrierten?

Das waren die Fragen, denen Egon Scotland im Auftrag der Süddeutschen Zeitung nachgehen wollte. Er war kein Kriegsberichterstatter, aber er kannte sich gründlich aus in der ethnischen und religiösen Gemengelage auf dem Balkan und im Nahen Osten. Er hatte in Wien und Ankara Geschichte, Philosophie und Orientalistik studiert. Er sprach Griechisch und konnte einer türkischen Praktikantin bei der SZ nach den ersten auf Türkisch gewechselten Sätzen präzise sagen, aus welcher Provinz sie stammte. 1983 kam er von der Deutschen Presseagentur als Landtagskorrespondent zur SZ. Sechs Jahre lang widmete er sich mit Leidenschaft und großem Einfühlungsvermögen der bayerischen Landespolitik, in der es damals noch deutlich ruppiger zuging als heute. Wenn man seine Reportagen und Kommentare aus diesen Jahren nachliest, werden die Akteure von damals alle wieder lebendig: der polternde Franz Josef Strauß, der glücklose Max Streibl, der ehrgeizige Gerold Tandler, der ungestüme Peter Gauweiler.

Im Sommer 1989 ging Egon Scotland für acht Monate als Stipendiat an die Stanford University in Kalifornien. Es war klar, dass sein journalistisches Arbeitsgebiet danach nicht mehr in Bayern liegen würde. Nach seiner Rückkehr schrieb er Reportagen aus den Randgebieten des ersten Golfkriegs 1991 – aus kurdischen Flüchtlingslagern, aus den Palästinensergebieten, aus der syrischen Bekaa-Ebene, wo er als einer von wenigen westlichen Journalisten den Kurdenführer Abdullah Öcalan traf.

Am frühen Abend des 26. Juli 1991 verließen Egon Scotland und der Journalist Peter Wüst das Hotel Intercontinental in Zagreb, um nach einer Kollegin zu suchen, die zusammen mit einem Kamerateam unterwegs war und nicht wie vereinbart zurückgekehrt war. Das Auto von Wüst war als Pressefahrzeug gekennzeichnet. In der Ortschaft Jukinac kurz vor dem Provinzstädtchen Glina sahen sie den Wagen der Kollegen – leer und mit offenen Türen auf der Straße stehend. Die Insassen hatten in einem Haus am Straßenrand Schutz vor dem massiven Granatenbeschuss durch die serbischen Kämpfer gesucht.

Als Wüst und Scotland anhielten, eröffneten Scharfschützen am Stadtrand von Glina das Feuer. Ein Schuss ging durch den Scheinwerfer und traf Scotland in den Bauch. Wüst raste zurück ins Krankenhaus der Kreisstadt Sisak, aber als er dort ankam, war Egon Scotland tot.

Glina war erst am Tag zuvor von serbischen Milizen unter dem Befehl von Dragan Vasiljković, genannt „Kapetan Dragan“, eingenommen worden. Dragan hat später die Verantwortung für Scotlands Tod von sich gewiesen. Der Journalist sei von einer „verirrten Kugel“ eines kroatischen Schützen getötet worden, sagte er. Aber es gibt keinen vernünftigen Zweifel daran, dass das tödliche Geschoss aus einem serbischen Scharfschützengewehr abgefeuert wurde.

Nach dem Ende des Jugoslawienkriegs setzte sich Dragan nach Australien ab. Dort lebte er unter dem Alias-Namen Daniel Snedden als Golflehrer. Eine australische Journalistin spürte ihn auf; 2006 wurde er festgenommen. Fast zehn Jahre lang wehrte er sich mit allen juristischen Finessen gegen die Auslieferung an Kroatien, aber am 8. Juli 2015 musste er ein Flugzeug besteigen, das ihn nach Zagreb brachte.

Die Staatsanwaltschaft in Šibenik bereitet jetzt den Prozess gegen ihn vor. Einer der Anklagepunkte wird auch der Mord an dem SZ-Reporter Egon Scotland sein.

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