Schreib auf, so viel Du kannst, mein Freund

Von Giovanni di Lorenzo

Rede anläßlich der Verleihung der Gerd-Bucerius-Förderpreise „Freie Presse Osteuropa“, 2014, Hamburg, 12. Juni 2014 (Foto: Jim Rakete)

Giovanni di Lorenzo.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Preisträger,

Ich werde am Ende meines kleinen Grußworts darauf zu sprechen kommen, warum Jour­nalisten vorsichtig mit dem Gebrauch von Sta­tis­tiken sein sollten. Ich sage das vorweg, weil ich an dieser Stelle trotz­dem mit einer be­ginnen möchte: Nach den Maß­stäben des ameri­ka­nischen Insti­tuts „Freedom House“ leben nur etwa 14 Prozent der Menschen welt­weit in einem Land, dessen Presse sich wirk­lich als frei be­zeich­nen kann. Das entspricht gerade mal einem Siebtel der Menschheit! weiterlesen

Wir in Deutschland gehören zu diesem glücklichen Siebtel. Gerade haben wir – nicht ohne Stolz – den 65. Geburts­tag unseres Grund­ge­setzes ge­feiert. Seit sechs­ein­halb Jahr­zehnten ist damit auch der Artikel 5 in Kraft, der uns Meinungs- und Presse­freiheit gewähr­leis­tet. Aber ich möchte an dieser Stelle auch ganz offen ge­stehen: Ich glaube, uns ist gar nicht mehr so richtig bewusst, was für eine Errungen­schaft das ist. Für uns ist die Presse­freiheit eine gefühlte Selbs­tver­ständlich­keit: Der Strom kommt aus der Steck­dose, die Nach­richten von un­ab­hängigen Jour­nalisten. Wenn hier heute Jour­na­listen aus­ge­zeichnet werden, wie Sie es sind, dann auch in dem Bewusst­sein, wie sehr die Erfül­lung der Presse­fre­iheit in gar nicht weiter Ferne noch echten Mut er­fordert! Natür­lich gibt es da Ab­stufungen, und auch in den früheren Sowjet-Staaten ist die Lage gewiss nicht überall gleich.

Aber eines kann man ganz bestimmt sagen: In Aser­baidschan, in Russ­land, in Belarus, in Ar­menien oder in der Ukraine Jour­na­lismus zu be­treiben, das heißt, auch großen Druck aus­halten zu müssen – sei es in Form von Zensur, in Form von Drohungen, in Form von Ein­fluss­nahme durch Parteien oder andere Eliten oder sogar in Form von blanker Gewalt. Sie stehen vor Heraus­for­derungen und vor Risiken, wie wir Sie in Deutsch­land nicht einmal im Ansatz er­leben müssen.

Wenn ich lese, was Sie in Ihren Heimat­ländern leisten und schon ge­leistet haben, wie Sie en­gagiert Posi­tion be­ziehen, Un­recht an­prangern und sich ein­mischen: Dann kann ich nicht anders, als regel­recht be­schämt zu sein. Warum? Weil so vieles, was zu unserer täg­lichen Arbeit gehört und was unsere Zeitungen füllt, so banal er­scheint im Ver­gleich zu den Miss­ständen, die Sie mit großen An­strengungen ans Licht bringen. Weil es bei Ihnen um so viel mehr geht als bei uns!

Wir brauchen hier­zu­lande keine Zensur zu fürchten, keine Repression, schon gar nicht müssen wir um unsere körper­liche Un­ver­sehrt­heit bangen. Und trotzdem – viel­leicht auch, weil unsere Haltung all­mäh­lich bequemer wird – geraten die wichtigen Probleme all­zu oft aus unserem Fokus. Die Lust am Skandal scheint dann die Lust an der Auf­klärung zu über­treffen. Ich beob­achte mit Sorge die fort­währende, oft gnaden­lose und aus geringem Anlass ein­setzende Skandali­sierung in unserem Land. Gerade weil die Presse bei uns eine so privi­le­gierte Posi­tion genießt, müsste sie sich eigent­lich be­sonders ver­wahren können gegen jeden Zwang – auch gegen Gruppen­zwang. Wer, wenn nicht wir, sollte da Courage zeigen? Umso ver­wunder­licher ist die Weg­duckerei, wenn wieder „Skandal!“ ge­brüllt und zur Jagd auf einen pro­mi­nenten Sünder ge­blasen wird. Ganz viele, auch unter den Kollegen, finden das fürchter­lich. Aber da­gegen­halten? Das tun nur die Wenigsten.

Auch da, wo es keine staat­liche Re­pression gibt, kann Non-Kon­for­mismus er­staunlich kraft­voll sein. Es sind Menschen wie Edward Snowden, der Ent­hüller des größten Über­wachungs­skandals unserer Gegen­wart, und sein Ver­trauter, der Jour­na­list Glenn Green­wald, die uns wieder vor Augen führen, was echter Mut in Be­we­gung setzen kann. Ihre Ent­hüllungen sind für unsere freien Gesell­schaften auch eine Prü­fung: Wissen wir noch, was die Presse­frei­heit im Kern be­deutet? Man konnte daran in den letzten Monaten durch­aus Zweifel haben – zum Bei­spiel im ver­gangenen Sommer: Da konnte man über den britischen Guardian lesen, dass er unter Aufsicht des bri­ti­schen Geheim­dienstes Fest­platten ver­nichten musste. Wo fängt das Staats­ge­heimnis an, wo hört die Presse­freiheit auf? Das sind die akuten Fragen, denen wir uns stellen müssen.

Der berühmte ameri­ka­nische Kolum­nist Stewart Alsop hat über die Rolle der Medien in einer freien Gesell­schaft ein­mal Fol­gendes ge­sagt: „Die Presse“, befand er, „muss die Frei­heit haben, alles zu sagen, damit gewisse Leute nicht die Frei­heit haben, alles zu tun“. Wenn wir diese Macht der Medien wirk­lich ernst nehmen wollen, dann ist das für uns Jour­na­listen mehr Ver­pflich­tung als Privi­leg – eine Verp­flichtung, die un­weiger­lich auch mit großer Ver­ant­wortung ver­bunden ist. Sie, liebe Preis­träger, haben sich das mit großem Ein­satz zu Herzen genommen. Und deshalb haben Sie diese Aus­zeichnung auch so sehr verdient.

Ich hatte Ihnen an­ge­kündigt, dass ich am Ende meines Gruß­worts noch etwas über Jour­na­listen und Sta­tis­tiken sagen würde. Auch um dieses Ver­hält­nis geht es in dem kleinen Ge­dicht, das ich Ihnen gleich vor­tragen werde. Der deutsche Reporter Egon Scotland trug es bei sich, als er im Juli 1991 während des Jugos­lawien-Krieges in Kroatien er­schossen wurde. Scotland war Re­porter der Süd­deutschen Zeitung und damals mein Kollege. Er wollte an dem Wochen­ende eigent­lich schon nach München zurück­fahren, aber sein Vor­ge­setzter, dessen Nach­folger ich wurde, hatte zu ihm gesagt: „Bleib doch noch, bis der Kollege in Belgrad über­nimmt!“ Es ist eine irr­sinnige Tragik, dass diese kleine Ver­zögerung Egon Scot­land das Leben gekostet hat. Ich bilde mir eigent­lich ein, kein ängst­licher Mensch zu sein, jeden­falls nicht, wenn es um Menschen geht, aber diese Er­fahrung rund um Egon Scot­land hat dazu ge­führt, dass ich mich immer schlecht fühle, wenn wir eine Kollegin oder einen Kollegen in ein Krisen­gebiet ent­senden. Das ging mir auch in den ver­gangenen Wochen so, als unsere Reporter im Osten der Ukraine re­cher­chierten, in dem Land, in dem einige von Ihnen leben und ar­beiten.

Das Gedicht also, das Egon Scot­land bei sich trug, heißt „An den Reporter“, und es geht so:

„Schreib auf, so viel Du kannst, mein Freund,
Aber berichte der Welt nicht nur
Die Zahl der Getöteten
Auf den goldenen Feldern Slawoniens.
Weil eine Zahl keinen Namen hat
Und keine geraubte Zukunft.
Berichte der Welt:
Es waren Johann und William
Und Victor und Francesco, die getötet wurden, mitten in Slawonien,
Und dass Gabriel und György
Und vielleicht auch Du Morgen getötet werden.
Schreib auf, soviel du kannst, mein Freund.
Aber berichte der Welt nicht nur
Die Zahl der Getöteten
Auf den blutenden Feldern Slawoniens.“

Ge­schrieben hat diese Zeilen der weit­hin un­be­kannte bos­nische Dichter (Slavko Bronzic’). Aber seit Egon Scot­lands Tod ist sein Gedicht um die Welt ge­gangen, junge und alte Jour­na­listen haben es sich in ihre Büros gehängt – als eine Art Arbeits­motto oder Berufsethos.
Nicht jeder Journalist ist Kriegs­reporter, zum Glück. Aber weil auch Sie, liebe Preis­träger, immer wieder be­sonderem Druck stand­halten müssen und Aus­nahme­zustände er­leben, möchte ich Ihnen dieses kleine Gedicht mit auf den Weg geben. Weil es an den Mut appelliert und weil es die viel­leicht wichtigste Aufgabe der Jour­na­listen in den Fokus rückt: die Ge­schichte hinter den Zahlen zu er­zählen und den Menschen eine Stimme zu geben, deren Ge­schichten sonst niemand er­zählen würde. Dabei wünsche ich Ihnen von Herzen Erfolg und viel Kraft, aber ich habe auch eine Bitte: Passen Sie gut auf sich auf!

( Rede anläßlich der Verleihung der Gerd-Bucerius-Förderpreise „Freie Presse Osteuropa“, 2014, Hamburg, 12. Juni 2014)