Muxubooy, was hast du heute gesehen?

Von Abdirahman Osman

Erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 1. Februar 2012. Übersetzung: Tim Neshitov

Der somalische Dichter und Dramatiker Abdi Mohammed Amin hinterließ nach seinem Tod 2008 eine geistig behinderte Tochter. Sie heißt Muxubooy. Als ich Amin kurz vor seinem Tod in Mogadischu traf, erzählte er mir, wie Muxu­booy jeden Tag auf die Straße ging, um sich unter die Menschen zu mischen. Auf den Straßen Moga­dischus fliegen Kugeln und Panzer­fäuste, damals, im Jahr 2007, war es noch gefährlicher als heute. „Aber meine Tochter langweilt sich zu Hause“, sagte der Dichter. „Sie muss unbedingt raus. Und jedes Mal, wenn sie zurück­kommt, frage ich sie: Muxu­booy, was hast Du heute gesehen?“ weiterlesen

Muxubooy erzählte ihrem alten Vater Ge­schichten aus dem All­tag. Wie Menschen im Bürger­krieg leiden, was sie essen, was sie an­ziehen, was sie über die Mi­li­zen sagen, über die Is­la­misten und die äthi­opischen In­vasions­truppen.

Ich arbeitete damals bei der Zeitung Xiddigta (Stern). Im Vergleich zur Süd­deutschen Zeitung war es ein sehr kleines Blatt, 12 Seiten, drei bis vier tausend Exemp­lare. Aber Xiddigta war eine un­ab­hängige Zei­tung und eine der ver­läss­lichs­ten In­formations­quellen in Mo­ga­dischu. Anders als SZ-Jour­na­listen schrieben wir alle anonym, denn es gab viele Men­schen, denen unsere Ge­schichten nicht ge­fielen, und die meisten dieser Menschen waren be­waffnet. Ein anderer Unter­schied zur SZ bestand darin, dass jeder von uns gleich­zeitig über alles schrieb: Politik, Sport, Wirt­schaft, Kultur. Es gab keine Spezi­ali­sierung. Eigent­lich schrieben wir alle über den Krieg, jeder war ein Fach­mann für Krieg.

Nachdem ich Abdi Mohammed Amin und seine Tochter Muxu­booy kennen­lernte, schlug ich meinem Chef­re­dak­teur vor, eine Kolum­ne namens „Muxubooy, was hast Du heute gesehen?“ ein­zu­führen. Wir sollten regel­mäßig auf­schreiben, was die Men­schen auf der Straße den­ken, sagte ich. Die Kolum­ne kam gut an, sie wurde ein wichtiger Draht zu unseren Lesern. Na­tür­lich haben wir nicht die Tochter von Abdi Mohammed Amin als Re­por­terin los­ge­schickt, aber wir haben Muxubooys Rolle als All­tags­chro­nistin über­nommen. Es ist ein selt­sames Gefühl, an jene Zeit zurück­zu­denken. Ich bin heute 26, wohne seit zwei Jahren in einem Sozial­wohn­heim in Mün­chen und arbeite in einer Bäckerei. Mein Land befindet sich immer noch im Bürger­krieg, die Zeitung Xiddigta gibt es nicht mehr, und ich weiß nicht, wie es Muxu­booy geht. Mir geht es gut, auf Münchens Straßen wird ja nicht ge­schossen. Ich lerne Deutsch und kann die Menschen in der Bäckerei mit einem „Grüßgott“ be­grüßen. Ich füh­le mich sicher hier, aber nicht wirk­lich wohl. Mein Beruf fehlt mir. Wie gesagt, es ist ein seltsames Gefühl.

Wie kommt man als somalischer Journalist dazu, in München Semmeln zu backen? Und wie wird man über­haupt Jour­na­list in Somalia, einem Land, das seit zwei Jahr­zehn­ten keine funk­tio­nie­rende Re­gierung hat? Die Geschichte meiner Flucht ist schnell erzählt.

Am 27. September 2009 über­lebte ich ein Atten­tat. Ich be­such­te an dem Tag einen Freund, der als Radio­jour­nalist ar­bei­tete. Seine Re­daktion lag in der Nähe des Ba­kara-Mark­tes, des größten Um­schlag­platzes für alles Mögliche in Mo­ga­dischu, von Gemüse bis zu Ka­lasch­ni­kows. Damals wurde der Markt noch von der is­la­mis­tischen Miliz al-Schabaab kon­trol­liert, die sich kürz­lich aus Mo­ga­di­schu zurück­ziehen musste. Ich wartete auf meinen Bus, als ein Mann mit einer Pistole auf­tauchte und auf mich schoss. Er traf mich nicht und ich konnte in ein Res­tau­rant fliehen und durch die Hinter­tür ent­kommen. Die Nacht ver­brachte ich bei einem Freund in Avgoy, einem Vor­ort von Mo­ga­dischu. Mein Chef­re­dak­teur und meine El­tern sag­ten am Te­le­fon, ich sol­lte das Land ver­lassen. Ich sah das auch so, denn al-Schabaab und andere Is­la­mis­ten hatten mich be­reits mehr­mals be­droht. Viele Kol­legen, die bei al-Schabaab auf der schwar­zen Liste stan­den, sind heute tot.

Im Morgengrauen stieg ich in einen Bus, der mich nach Nairobi brachte. Ur­sprüng­lich plante ich, nach Schwe­den aus­zu­wandern, denn dort gibt es eine große so­ma­lische Dias­pora. Aber Deutsch­land ge­währte mir vor­her Asyl. Dafür bin ich sehr dank­bar! Auch meine Frau durfte vor Kurzem zu mir ziehen. Der Verein Jour­na­listen helfen Jour­na­listen unter­stützt mich seit meiner An­kunft – die Kollegen haben einen be­son­deren Platz in meinem Le­ben. Ich weiß nicht, wie lange ich in Deutsch­land bleibe, denn eines Tages, wenn es nicht mehr so gefährlich ist, will ich nach Somalia zurückkehren. Aber die Zeit in Deutschland will ich nutzen, um nicht nur Deutsch zu lernen, sondern auch möglichst viel über die Ar­beit der deut­schen Kol­legen zu er­fahren.

In Somalia gibt es nur wenige professionell ausgebildete Jour­na­lis­ten. An den Uni­versi­täten kann man den Beruf nicht er­lernen, Jour­na­listen­schulen gibt es auch nicht. Ich hatte das Glück, 2004 eine kom­pakte Aus­bil­dung beim So­ma­lischen Jour­na­listen­verband zu ab­sol­vieren: Um­gang mit Foto­apparat und Auf­nahme­ge­rät, Schreiben von Nach­richten, Inter­view­techniken. Der Ver­band wurde 1999 von Jour­na­lis­ten im Ruhe­stand ge­grün­det, um die be­ruf­lichen Tra­di­tionen nicht aus­sterben zu lassen. Sein Vor­sitzen­der hatte seiner­zeit in Deutsch­land stu­diert. Eine Zeit­lang wurde der Ver­band von BBC unter­stützt, heute haben sie nicht einmal ein Büro und bil­den kaum noch Nach­wuchs aus.

Die Zeitung Xiddigta wurde kurz nach meiner Aus­reise 2009 ge­schlos­sen. Die Re­dak­tion konnte wegen Drohungen und Über­griffen ihre Ar­beit nicht mehr fort­setzen. Unser Büro be­fand sich eigent­lich in einem Stadt­vier­tel, das von den Re­gierungs­trup­pen kon­trol­liert wurde. Aber auch dort­hin schick­ten die Is­lam­isten ihre Män­ner. Glück­licher­weise wurde keiner der Kol­legen ge­tötet. Das Schlim­mste an den Is­la­mis­ten ist, dass sie un­be­rechen­bar sind. Ein­mal schrieb ich darüber, wie zwei Islamistengruppen – Ahlu Sunna und al-Schabaab – aneinandergerieten. Sie stritten über das Grab eines islamischen Scheihks, der schon längst tot war. Al-Schabaab bud­delte seinen Leich­nam aus und be­grub ihn wieder an einem un­be­kan­nten Ort, wo­rauf­hin Ahlu Sunna eine Rache­kam­pagne star­tete. Und beide waren na­tür­lich mit un­serer Be­richt­er­stat­tung un­zu­frieden. Ich rief den Sprecher von al-Schabaab an: „Sie sagen, Sie kämp­fen im Na­men der Re­li­gion. Aber Sie tö­ten doch auch Mus­lime!“ Er sagte: „Wir tö­ten je­den, der ein Feind Got­tes ist.“

Kurz darauf wurde auf mich auf dem Bakara-Markt geschossen.