Zum Tod von Herbert Riehl-Heyse

Herbert Riehl-Heyse Foto: Regina Schmeken

Von Karl-Otto Saur

„Bestellte Wahrheiten“ hieß eines der zahlreichen Bücher, die der Jour­nalist Herbert Riehl-Heyse (Foto: Regina Schmeken) geschrieben hat.  Es handelte von seinen Erfahrungen, die er im Laufe eines langen Reporter­lebens gemacht hat. Mit sich und mit anderen Journa­listen. Beide mahnte er zur Vorsicht. Er hatte guten Grund dafür. Er kannte den Journa­lismus aus vielen Perspek­tiven. Und er liebte ihn. Gerade deswegen machte er sich auch so viele Sorgen um ihn. weiterlesen

Herbert Riehl-Heyse wurde am 2. Oktober 1940 in Alt­ötting geboren. Mit vier Jahren musste er erleben, dass sein Vater – ein einfacher Lager­verwalter – in den aller­letzten Kriegs­tagen von einer maro­dierenden SS-Truppe erschossen wurde, nur weil er sich für eine friedliche Über­gabe des Ortes an die Amerikaner ein­gesetzt hatte. Unter schwierigs­ten Be­dingungen gelang es der Mutter die vier Kinder durch die Nach­kriegs­jahre zu bringen. Diese Erfahrung hat ihn zeit­lebens empfind­sam  gemacht für soziale Probleme. Und sie hat ihn neu­gierig gemacht auf das Leben.

Der Jurist mit beiden Staatsexamen wollte nicht in den Staats­dienst, sonder ihn trieb es – wie bereits seinen älteren Bruder Hans – in den Journa­lismus. Beide begannen ihre Lauf­bahn beim Münchner Merkur. Dort wurde er Land­tags­bericht­erstatter und es war für ihn in den bewegten Zeiten der späten 60er Jahre nicht immer ganz einfach, in dem konser­vativen Blatt auch sein Verständnis für die andere Seite zu for­mulieren.

1971 holte dann die Süddeutsche Zeitung ihn ins Haus. Später erzählte er mal, dass dieser Beginn die schwierigste Zeit seines Lebens gewesen sei. Die Süd­deutsche war die Zeitung, die er sich wünschte, aber er wollte niemand verdrängen und so tat er sich schwer, einen Platz zu finden. Doch seine Quali­tät setzte sich schnell durch.

Die genaue Beobachtung, die exakte Recherche und sein später oft kopierter aber dennoch unnach­ahmlicher Stil ließ seine Leser­gemeinde schnell an­schwellen. Sein viel­gerühmter leichter Ton verbarg aber nicht seine Bil­dung und sein umfang­reiches Wissen. Als er einmal in einer Fernseh­kritik ironisch monierte, dass Franz-Josef Strauß in einer Rede, die Ilias mit der Odysee verwechselt habe, veröf­fentlichte der Bayern-Kurier eine wütende Replik, in der Riehl-Heyse Klein­geistig­keit gegenüber den Großen vorge­worfen wurde.

Nichts hätte falscher sein können. Er war in Kleinig­keiten penibel und er achtete sehr auf Kleinig­keiten, doch auch gerade das machte seine Größe aus.

Jeder, über den er schrieb, bekam zunächst einmal die Chance, sich selbst darzu­stellen. Nicht zuletzt sein tiefer Glaube brachte ihn dazu, in jedem Menschen erst einmal das Positive zu suchen. Und es war nicht sein Maß­stab den er anlegte, sondern den die Menschen für sich selbst bean­spruchten. Genügten sie ihren eigenen Ansprüchen nicht, dann war es für sie häufig kein Vergnügen, das zu lesen, was Herbert Riehl-Heyse über sie schrieb. Für die Leser allerdings schon, denn seine Ironie war weit entlarvender als es der härteste Kommentar hätte sein können.

So wurde er der wichtigste Autor für die Süd­deutsche Zeitung. Aber viele Jahre war er auch ihr wichtigster Mit­arbeiter im Haus. Nicht nur in seiner Zeit als stell­ver­tretende Chef­redakteur in den 80er Jahren war er derjenige, der für jeden im Haus ein offenes Ohr und ein offenes Herz hatte. Er war eine Art Ein-Mann-Vermittlungs­ausschuss, der für das geistige und soziale Klima im Haus der Süd­deutschen Zeitung un­ent­behrlich war.

Der Autor dieser Zeilen hatte das Glück, dreißig Jahre mit Herbert Riehl verbunden gewesen zu sein. Er musste ihm einmal ein Versprechen geben, das er jetzt brechen muss. Herbert Riehl-Heyse wollte nicht, dass er in einem Nach­ruf „Moralist“ genannt werde, weil er dieses Wort in schon in zu vielen Nach­rufen gelesen habe. Doch Herbert Riehl-Heyse war als Mensch ebenso wie als Journa­list ein Mora­list, wie es nur ganz wenige gibt. Wir werden ihn alle schmerzlich ver­missen.